Wer DEVONthink schon länger nutzt, kennt das Problem: Im Laufe der Jahre sammelt sich eine enorme Menge an Wissen an. Da liegen Fachartikel neben PDFs, E-Mails neben eigenen Notizen und irgendwo in den Tiefen der Datenbank befindet sich garantiert genau die Information, die man gerade sucht.
Die Herausforderung besteht meist nicht darin, Informationen, Dokumente oder gefundenes Wissen zu speichern. Das erledigt DEVONthink seit vielen Jahren hervorragend. Die eigentliche Herausforderung lautet vielmehr:
Wie finde ich die relevanten Informationen wieder und wie bringe ich sie schnell in einen (kreativen) Zusammenhang?
Bislang war dafür vor allem die Suchfunktion zuständig. Du suchtest nach Begriffen, öffnetest Dokumente und hast dich durch die Trefferliste gearbeitet. Mit DEVONthink 4.3 kommt nun ein völlig neuer Ansatz hinzu:
Stellen wir uns vor, deine (oder meinetwegen meine) Datenbank wäre nicht länger nur ein Archiv, sondern eine Art Gesprächspartner. Anstatt nach Stichworten zu suchen, könnten wir künftig einer KI einfach sagen:
„Zeige mir alles, was ich in den letzten Jahren zum Thema Datenschutz gesammelt habe.“
Oder:
„Fasse meine Notizen über DEVONthink 4 zusammen.“
Oder sogar:
„Welche Argumente habe ich in meinen Dokumenten für und gegen lokale KI-Modelle gesammelt?“
Die KI durchsucht dann die Datenbank, liest die relevanten Dokumente und erstellt daraus eine Antwort. Genau das ermöglicht die neue MCP-Technologie. Und jetzt wird es hoffentlich nicht zu kompliziert – ich will das mal versuchen, so verständlich wie möglich auszudrücken:
Was ist ein MCP-Server?
Da ich mich wie viele andere hinsichtlich KI eher auf der Anwenderseite verorte und allenfalls an der Oberfläche der technischen Voraussetzungen befasse, musste ich mich überhaupt erst einmal schlau machen, was hinter bestimmten Begrifflichkeiten verbirgt. Der Begriff klingt zunächst deutlich komplizierter, als er tatsächlich ist. Vereinfacht gesagt ist ein MCP-Server eine Art Vermittler zwischen einer KI und einem Programm. Du kannst dir das wie einen Mitarbeiter in einer Bibliothek vorstellen:
Bisher musstest du selbst durch die Regale laufen, Bücher suchen und die relevanten Seiten herausschreiben. Die KI konnte dir dabei nicht helfen, weil sie keinen Zugang zur Bibliothek hatte.
Der MCP-Server öffnet nun eine kleine Tür zur Bibliothek. Genauer gesagt: Die KI darf den Bibliothekar in deinem Auftrag fragen:
„Gibt es Bücher zum Thema Datenschutz?“
Der Bibliothekar sucht die passenden Werke heraus und liefert die gewünschten Informationen zurück. Die KI erhält also nicht einfach freien Zugriff auf die gesamte Bibliothek, sondern kann gezielt Anfragen stellen und die Ergebnisse weiterverarbeiten.
Genau diese Rolle übernimmt der MCP-Server in DEVONthink. Er stellt der KI bestimmte Funktionen zur Verfügung, über die sie mit der Datenbank kommunizieren kann.
Nun etwas technischer – aber nur ein wenig:
MCP steht für Model Context Protocol oder auf deutsch: Protokoll für den Kontextaustausch mit KI-Modellen. Dabei handelt es sich um einen offenen Standard, über den KI-Systeme mit externen Programmen und Diensten kommunizieren können.
Ein einfaches Beispiel:
Ohne MCP:
- Claude kennt DEVONthink nicht und hat keinen Zugriff auf deine Datenbanken.
Mit MCP:
- Claude kann DEVONthink fragen: „Zeige mir alle Dokumente zum Thema Datenschutz.“
- DEVONthink liefert die passenden Informationen zurück.
- Claude wertet diese Informationen aus und verwendet sie für seine Antwort.
Man könnte MCP daher auch als eine Art „USB-Standard für KI-Anwendungen“ bezeichnen 1. So wie USB dafür sorgt, dass Drucker, Festplatten und Kameras mit Computern zusammenarbeiten können, sorgt MCP dafür, dass KI-Systeme mit Programmen wie DEVONthink, Datenbanken, Dateisystemen oder anderen Diensten kommunizieren können.
Der Standard wurde ursprünglich von Anthropic entwickelt und wird inzwischen von zahlreichen Herstellern unterstützt. DEVONthink integriert deshalb nicht einfach eine spezielle Claude-Schnittstelle, sondern einen vollständigen MCP-Server. Dadurch kann die Datenbank künftig nicht nur mit Claude, sondern prinzipiell mit allen MCP-kompatiblen KI-Systemen zusammenarbeiten.
Warum ist das interessant?
Der eigentliche Vorteil liegt darin, dass die KI erstmals mit dem Wissen arbeiten kann, das du selbst über Jahre gesammelt hat: Eine normale KI kennt zwar unzählige Informationen aus dem Internet, sie kennt aber nicht deine eigenen Notizen, Recherchen, Projektdokumente oder Manuskripte. Für die KI existiert dieses Wissen zunächst gar nicht.
Wer beispielsweise einen Blog über DEVONthink betreibt (so wie ich...), hat möglicherweise hunderte Artikel, Notizen und Recherchedokumente in seiner Datenbank gespeichert (jo, kenne ich...). Eine KI kann diese Informationen nun bei Bedarf auswerten und in die Antwort auf eine beliebige Frage einbeziehen.
Damit wird die KI deutlich hilfreicher, weil sie nicht mehr nur allgemeines Wissen nutzt, sondern auf den persönlichen Wissens- und Dokumentenbestand zurückgreifen kann.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Nehmen wir an, du möchtest einen neuen Artikel über lokale KI-Modelle schreiben. Früher hätten du vermutlich:
- nach passenden Dokumenten gesucht,
- mehrere PDFs geöffnet,
- ältere Notizen durchgesehen,
- wichtige Textstellen zusammengesucht.
Mit einer MCP-fähigen KI könnte deine Anfrage stattdessen lauten:
„Erstelle mir eine Übersicht aller Dokumente in meiner DEVONthink-Datenbank, die sich mit lokalen KI-Modellen beschäftigen, und fasse die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.“
Die KI erledigt dann einen großen Teil der Vorarbeit. Sie ersetzt nicht die eigene Recherche und schon gar nicht das eigene Denken. Sie hilft jedoch dabei, vorhandenes Wissen wesentlich schneller nutzbar zu machen.
Datenschutz bleibt in der Hand des Anwenders
Gerade bei KI stellt sich natürlich sofort die Frage nach dem Datenschutz. DEVONthink sorgt hier vor. Nicht jede Datenbank muss für die KI sichtbar sein. Bestimmte Bereiche können ausgeschlossen werden. Verschlüsselte Datenbanken bleiben standardmäßig geschützt.
Der Anwender entscheidet also selbst, worauf die KI zugreifen darf und worauf nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied zu vielen Cloud-Diensten, bei denen man oft die Kontrolle über die eigenen Daten aus der Hand gibt.
Die eigentliche Bedeutung dieser Neuerung
Vielleicht liegt die größte Veränderung gar nicht in der Technik selbst: Seit vielen Jahren wird DEVONthink gerne als „zweites Gehirn“ bezeichnet. Tatsächlich verhielt sich dieses zweite Gehirn bislang aber eher wie ein riesiges Archiv. Es konnte Informationen hervorragend speichern, blieb jedoch weitgehend passiv.
Mit der MCP-Technologie wird daraus erstmals etwas, mit dem man tatsächlich sprechen kann: Du suchst nicht mehr nur nach Dokumenten. Du stellst Fragen. Und genau darin könnte die eigentliche Zukunft des Wissensmanagements liegen.
DEVONthink wird durch den MCP-Server nicht plötzlich intelligenter. Die Intelligenz kommt weiterhin von ChatGPT, Claude oder lokalen Sprachmodellen. Neu ist jedoch, dass diese Systeme über eine neue Schnittstelle nun direkt mit dem Wissen arbeiten können, das sich über Jahre in der eigenen Datenbank angesammelt hat. Aus deiner Dokumentensammlung wird damit eine Art Gesprächspartner.
Und das dürfte langfristig weit spannender sein als viele der sichtbaren Neuerungen, die auf den ersten Blick mehr Aufmerksamkeit erhalten.
Warum trägt DEVONthink 4.3 den Namen „Herschel“?
Wie viele frühere Versionen von DEVONthink trägt auch Version 4.3 den Namen einer bedeutenden Person derWissenschaftsgeschichte. Diesmal fiel die Wahl auf Caroline Lucretia Herschel (1750–1848), eine der bemerkenswertesten und wohl eher übersehenen Persönlichkeiten der Astronomiegeschichte - mir war der Name auch nicht bekannt, ich musste erst über diese Frau lesen …
Caroline Herschel wird oft als Schwester des berühmten Astronomen William Herschel wahrgenommen. Tatsächlich leistete sie jedoch selbst bedeutende wissenschaftliche Beiträge. Sie entdeckte acht Kometen sowie zahlreiche Nebel und Sternhaufen und trug maßgeblich dazu bei, die damals bekannten Himmelsobjekte systematisch zu erfassen. Ihre Kataloge dienten Astronomen noch viele Jahrzehnte als wichtige Referenz.
Caroline Herschel gilt als die erste bekannte professionelle Astronomin der Geschichte. Sie war die erste Frau, die für wissenschaftliche Arbeit ein Gehalt erhielt, und wurde später mit der Goldmedaille der Royal Astronomical Society ausgezeichnet – eine damals außergewöhnliche Ehrung.
Wenn man das DEVONtechnologies-Blog liest, basiert der Versionsname, wenn man es genau nimmt, gar nicht auf Caroline Herschel, sondern auf dem von ihr entdeckten Kometen 35P/Herschel–Rigollet, aber das mag Erbsenzählerei sein. Engagierte Feminist:innen könnten DEVONtechnologies aus dieser Marginalie womöglich einen Strick drehen – in diesen komplizierten Zeiten weiß man nie …
Die Wahl des Namens passt dabei erstaunlich gut zu DEVONthink selbst. So wie Caroline Herschel den Himmel systematisch kartierte und verborgene Objekte sichtbar machte, hilft DEVONthink dabei, große Mengen an Informationen zu ordnen, Zusammenhänge zu erkennen und Wissen wiederzufinden. DEVONthink geht vielleicht noch einen Schritt weiter: Es kartiert Wissen nicht mehr nur, sondern macht es für moderne KI-Systeme aktiv nutzbar.
