Keipene – ein Bahnhof ohne Züge.

Der alte Bahnhof in Ķeipene ist ein bemerkenswerter Ort. Einst Teil der Bahnlinie Riga–Ērgļi, später in ein kreatives „Sergei-Eisenstein-Kommunikationszentrum“ verwandelt, heute ein stiller Zeuge zwischen Eisenbahngeschichte und Filmkunst. Finanziert wurde die Umgestaltung mit EU-Mitteln, die Gebäude und Installationen wirken gepflegt, fantasievoll – und doch: Als wir dort ankamen, war alles verschlossen. Laut Anschlag hätte geöffnet sein sollen, aber kein Mensch war zu sehen. Keine Besucher, keine Betreiber, keine Bewegung.

Dieses Bild habe ich in Lettland immer wieder gesehen: EU-Fördergelder machen Restaurierungen möglich, doch für den Betrieb (Personal, Werbung, laufende Kosten) fehlt es an Mitteln und oft auch an Menschen. Viele Orte stehen am Ende wie museale Kulissen da: äußerlich hergerichtet, innerlich verwaist. So wird die EU-Förderlogik zur großangelegten Fehlinvestition – viel Geld für Gebäude und anderes, aber kein nachhaltiges Konzept für Leben darin.

Vielleicht ist das aber auch Ausdruck einer anderen Haltung. Tourismus scheint in Lettland selten ein Geschäftsfeld, sondern eher eine beiläufige Möglichkeit. Der Bahnhof in Ķeipene ist weniger Erlebnispark für Besucher als ein stilles Zeichen kultureller Erinnerung, gedacht für die Region selbst, nicht für den Massentourismus – wenn überhaupt.

Für uns Reisende bedeutet das: Wir stoßen manchmal auf verschlossene Türen, wo wir geöffnet erwarten. Doch gerade darin liegt dann auch der Reiz für uns, denn Lettland bleibt authentisch, ungekünstelt, nicht überlaufen. Der Bahnhof von Ķeipene erzählt diese Geschichte eindrücklich: ein renoviertes Haus ohne Züge, ein Museum ohne Besucher – und trotzdem ein Ort, der viel sagt über die Art, wie Lettland nicht nur mit seiner Geschichten, sondern auch mit seinen Möglichkeiten umgeht.

Bahnhof von Keipene

Cēsis – Lettlands stille Schönheit.

Cēsis (vormals Wenden oder Walden) – ist eine jener kleinen Städte, die man leicht übersehen könnte, wenn man Lettland bereist. Und gerade das macht ihren besonderen Reiz aus.

Die Stadt wirkt authentisch, fast unberührt vom Massentourismus. Keine Souvenirshops an jeder Ecke, keine Busladungen voller Besucher, die sich durch die Gassen schieben. Stattdessen findet man hier eine entspannte, stille Atmosphäre: Kopfsteinpflaster, alte Holzhäuser, eine Burg, die Geschichten aus dem Mittelalter erzählt, und eine Altstadt, die ihren Charme ohne große Inszenierung bewahrt hat.

Cēsis lebt nicht von Touristen, sondern von seinen Bewohnern – und das spürt man bei jedem Schritt. In den kleinen Cafés sitzen Einheimische beim Kaffee, in den Läden findet man noch Alltagsware statt China-Import-Ware. Wer hier durch die Straßen geht, fühlt sich weniger wie ein Besucher und mehr wie ein Teil des städtischen Lebens.

Vielleicht liegt genau darin der Zauber von Cēsis: Es ist eine Stadt, die sich nicht verstellt. Authentisch, liebenswert, ein bisschen rau – und damit ein echter Gegenentwurf zu all den „perfekt gemachten“ Orten, die nur für Reisende hergerichtet sind.

Eindrücke aus Cesis


Sigulda – Schloss, Gärten und lebendige Handwerkskunst.

Ganz anders als das stille, authentische Cēsis wirkt Sigulda: Hier ist vieles liebevoll hergerichtet – allen voran das Schloss und der weitläufige Schlossgarten. Doch trotz der gepflegten Anlagen und der Besucherströme, die an schönen Tagen durch die Wege schlendern, hat man nicht das Gefühl von aufdringlichem Massentourismus.

Besonders schön finden wir das Konzept der alten Gebäude im Schlossensemble. Sie stehen nicht leer, sondern sind mit Leben gefüllt: kleine Läden, in denen Kunsthandwerker ihre Produkte anbieten, manche davon direkt vor Ort gefertigt. Holzarbeiten, Keramik, Textilien – vieles mit einem ganz eigenen lettischen Charakter. Und ja, natürlich auch Souvenirs, aber ohne das Gefühl von Beliebigkeit, das man aus anderen Orten kennt.

Gerade diese Mischung gefällt uns: Geschichte zum Anfassen, umgeben von einem Park, der zu Spaziergängen einlädt, und einer kreativen Szene, die Tradition mit Gegenwart verbindet. Sigulda zeigt, wie man historische Orte behutsam touristisch erschließen kann, ohne ihnen den eigenen Charme zu nehmen.

Sigulda: Schloßpark


Riga – zwischen Geschichte und Lebendigkeit.

Wenn man tagelang durch die stillen Landschaften des lettischen Ostens fährt – endlose Wälder, kleine Dörfer, einsame Gehöfte – und dann nach Riga kommt, wirkt es fast wie ein Schock. Die Stadt ist laut, voller Menschen, voller Leben – und zugleich wunderschön.

Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Städten blieb Riga im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont. Zwar gab es schwere Kämpfe – 1941 beim deutschen Vormarsch und 1944 beim Rückzug der Wehrmacht –, doch die historische Innenstadt wurde nicht flächendeckend zerstört wie etwa Warschau oder Königsberg. Dadurch blieb ein beeindruckender Bestand an alten Bauwerken erhalten: mittelalterliche Gildenhäuser, barocke Kirchen, und vor allem die prächtigen Jugendstilfassaden, für die Riga heute weltberühmt ist (die wir uns aber leider entgehen lassen müssen, siehe unten). Tatsächlich zählt die Stadt zu den Metropolen des europäischen Jugendstils, mit mehr als 800 Gebäuden, die teilweise unter UNESCO-Schutz stehen.

Neben diesen historischen Schätzen prägen auch jüngere Bauten das Stadtbild: Nach der erneuten Unabhängigkeit Lettlands 1991 entstanden zahlreiche moderne Gebäude, die eine spannende architektonische Mischung ergeben. Besonders eindrucksvoll sind etwa die gläserne Nationalbibliothek am Ufer der Daugava oder die restaurierte Markthalle in den ehemaligen Zeppelinhangars.

Für uns bleibt es bei zwei Nächten in Riga. Viel Zeit, die Stadt wirklich zu erkunden, haben wir nicht – ein kleiner Unfall funkt uns dazwischen. Dennoch reicht es für einen ziellosen, aber umso eindrucksvolleren Bummel durch die Altstadtgassen, die selbst ohne festes Ziel einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen.

Altstadtbummel durch Riga


Kap Kolka – Wo zwei Meere sich begegnen.

Wir fahren weiter durch Lettland, begleitet von ständigen Regenschauern, und erreichen Kap Kolka, die nördlichste Spitze des Landes. Hier trifft der Rigaische Meerbusen auf die offene Ostsee – zwei Gewässer, die sich sichtbar ineinander schieben. Bei ruhigem Wetter wirkt die Küste fast magisch: Die Wellen laufen aus zwei Richtungen aufeinander zu und brechen in einem flachen V an der Sandbank. Kein Wunder, dass der Ort für Seeleute seit Jahrhunderten ein gefürchtetes Nadelöhr war. Vor der Küste liegen Hunderte Wracks, und der nahe Leuchtturm von Kolka ist nur per Boot erreichbar.

Kap Kolka


Einige Kilometer südlich stößt man auf einen Ort, der das genaue Gegenteil dieser Naturidylle ist: das Radioteleskop von Irbene. In der Sowjetzeit war die gesamte Anlage ein streng gehütetes Geheimnis. Auf keiner Karte verzeichnet, von Wäldern verborgen, stand hier eine der modernsten Abhörstationen der Roten Armee. Das Herzstück war ein gigantisches 32-Meter-Parabolteleskop, mit dem Kommunikationssignale aus dem Westen abgefangen wurden – unter anderem Satelliten- und Mikrowellenverbindungen.

Zur Station gehörte eine ganze Garnisonsstadt. In den umliegenden Kasernen und Wohnblöcken lebten bis zu 2.000 Menschen: Soldaten, Techniker, ihre Familien. Schulen, Sporthallen, Kulturhäuser – eine abgeschottete Parallelwelt mitten im Wald. Nach dem Abzug der Sowjets 1993 verfielen viele Gebäude, während das Teleskop heute als wissenschaftliche Anlage weitergenutzt wird.

So liegen an Lettlands Küste zwei Extreme nah beieinander: die unberührte Natur am Kap Kolka – und ein Lost Place der Supermachtpolitik, der noch immer von Geheimnissen umweht ist.

Irbene Radioteleskop: Lost Place


Noch ein wenig Fakten und mehr...

Baltikum – Wohlstand und Wirklichkeit.

Wer mit dem Wohnmobil von Estland nach Lettland fährt, merkt den Unterschied sofort – nicht in der Sprache, sondern im Straßenbild. In Estland sind die Straßen makellos, oft besser als in Deutschland. Selbst in kleinen Dörfern sind die Häuser frisch gestrichen, die Gärten gepflegt, vieles wirkt modern und renoviert. In Lettland dagegen sieht man häufiger verlassene Höfe, leerstehende Häuser, die langsam verfallen – und manchmal wohnen tatsächlich Menschen noch in diesen Bruchbuden. Lettland ist vergleichsweise arm, zumindest der östliche Teil.

Die Zahlen bestätigen diesen Eindruck. Estland hat das höchste Durchschnittseinkommen der drei baltischen Staaten (rund 1.700 € netto im Monat), Lettland liegt mit etwa 1.300 € am unteren Ende, Litauen dazwischen. Auch beim subjektiven Glücksempfinden gibt es klare Unterschiede: In Estland sagen gut 50 % der Menschen, dass "sie sich immer oder meist glücklich" fühlen, in Litauen sind es 48 %, in Lettland nur 37 %.

Eurostat erfasst die allgemeine Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10: Estland liegt mit 7,2 Punkten knapp über dem EU-Durchschnitt, Litauen bei 7,1, Lettland bei 6,8 – letzteres einer der niedrigsten Werte in der EU. Im World Happiness Report belegt Litauen global Platz 16, Estland Platz 39, Lettland Platz 51.

Auf der Straße sieht man, was die Statistiken sagen: Estland wirkt gefestigt, modern, digital vernetzt. Litauen hat einen Aufwärtstrend, besonders spürbar in den Städten. Lettland hingegen kämpft – vor allem im ländlichen Raum – mit wirtschaftlicher Stagnation und sichtbarem Verfall. Wer hier reist, bekommt nicht nur schöne Landschaften und historische Städte zu sehen, sondern auch einen Blick auf die wirtschaftlichen Gräben im Baltikum.

Wer sich mal eine Eindruck verschaffen will, wie es auf dem Land im Ostteil Lettlands (Lettgallen = Livland) zugeht, mag sich diesen Film anschauen. Der Film ist zwar schon einige Jahre alt und stammt aus der Zeit kurz vor der Euro-Einführung, aber so sehr viel hat sich gerade im Ostteil Lettlands nicht getan - außer dass noch mehr Jugend das Land verlassen hat:

Ein Dorfladen reist durch Lettland (360° - GEO Reportage)

Lettgallen ist ein schöner, aber armer Landstrich und erinnert ein wenig an die Situation in den 50ern und auch noch in den 60ern im Vogelsberg oder in der Rhön. Ich bin dort groß geworden und dort sah es in den abgelegenen Dörfern auch nicht viel anders auch.


Zwischen den Welten – Die baltischen Staaten und ihre russische Minderheit.

In Estland hat fast ein Viertel der Bevölkerung russische Wurzeln – viele leben seit Generationen hier. Und doch besitzen Zehntausende von ihnen bis heute keinen estnischen Pass.

Was nach einem Verwaltungsdetail klingt, ist in Wahrheit ein tiefer Riss. Wer nach dem Ende der Sowjetunion nicht nachweisen konnte, dass die eigene Familie schon vor 1940 hier lebte, galt nicht automatisch als Staatsbürger. Wer dazugehören wollte, musste Prüfungen ablegen – Sprachtests, Staatskunde, estnische Geschichte. Für viele Ältere war das kaum zu schaffen. Für manche Jüngere ist es heute ein bewusster Akt der Verweigerung.

Und so leben sie bis heute in einem seltsamen Schwebezustand: Nichtbürger. Kein Wahlrecht. Kein voller Zugang zum Staat, dessen Sprache man oft kaum spricht – oder nicht sprechen will. Manche haben einen russischen Pass. Andere nur ein graues Dokument, das ihnen selbst innerhalb der EU die Bewegungsfreiheit einschränkt.

Die Gräben sind tief. Und sie verlaufen nicht nur entlang der Sprache, sondern durch Familien, Wohnviertel, Medienräume. Auf der einen Seite: ein kleines Land mit schmerzhaften Erinnerungen an sowjetische Besatzung, Deportationen, das Verdrängen der eigenen Kultur. Auf der anderen Seite: Menschen, die sich nicht willkommen fühlen – und oft auch nicht mehr dazugehören wollen.

Ganz ähnlich ist es in Lettland, wo sogar knapp ein Drittel der Bevölkerung russischsprachig ist – vor allem in Riga und im Osten des Landes. Auch hier gibt es Zehntausende ohne lettischen Pass. Auch hier stehen Sprachtests und Loyalitätsbekundungen zwischen Herkunft und Zugehörigkeit. Manche Letten empfinden die russische Minderheit als unintegrierbar, viele Russischsprachige erleben den Staat als abweisend. Dazwischen: Jahrzehnte gegenseitiger Entfremdung.

Nur in Litauen ist die Lage ruhiger. Hier ist der russischsprachige Bevölkerungsanteil deutlich kleiner – unter 6 %. Nach 1991 wurden fast alle automatisch eingebürgert. Vielleicht deshalb gibt es hier weniger offene Wunden. Vielleicht aber auch, weil Litauen seinen Fokus stärker auf die Bedrohung durch Belarus und den Schutz der Suwalki-Lücke (ein etwa 65 km langer Landkorridor zwischen Polen und Litauen, der die NATO-Staaten von der russischen Exklave Kaliningrad und dem mit Russland verbündeten Belarus trennt )richtet – und innenpolitisch auf Integration statt auf Ausgrenzung setzt.

Doch eines ist allen drei Ländern gemeinsam: Das Verhältnis zu Russland ist tief belastet – durch Geschichte, durch Machtpolitik, durch aktuelle Kriege. Was zurückbleibt, sind Misstrauen, Sprachlosigkeit, manchmal Hass.

Ich hatte das Ausmaß dieser inneren Spaltung nicht erwartet. Dass mitten in Europa so viele Menschen seit Jahrzehnten ohne Staatsbürgerschaft leben – und dass die Fronten nicht zwischen Staaten, sondern mitten durch Gesellschaften verlaufen.

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Next Stop: Litauen.