Kaum ein Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert wie die Auswirkungen künstlicher Intelligenz. Gerade in kreativen Berufen gehen die Meinungen weit auseinander. Die einen sehen in ChatGPT, Claude oder Midjourney1 den Anfang vom Ende menschlicher Kreativität, andere betrachten sie als das nächste Werkzeug – nicht anders als einst Photoshop oder die Digitalkamera.
Ausgelöst wurde dieser Artikel durch eine umfangreiche Diskussion in einem Mac-Forum. Dort ging es um die Frage, welche Auswirkungen KI auf die kreative Community haben wird. Nach mehreren hundert Beiträgen wurde eines deutlich: Einen Konsens gibt es nicht.
KI und deren Auswirkung auf die kreative Community
Mich hat dabei allerdings weniger die philosophische Frage beschäftigt, ob eine KI kreativ sein kann. Viel interessanter finde ich die Frage, wie sich KI tatsächlich im Alltag einsetzen lässt.
Vom Skeptiker zum Anwender
Ich gebe zu: Auch ich stand dem Thema KI zunächst eher skeptisch gegenüber.
Natürlich hatte ich mit ChatGPT experimentiert und Bilder mit Hilfe von KI erzeugt. Beeindruckend war das durchaus. Gleichzeitig blieb bei mir aber oft das Gefühl zurück, dass die Ergebnisse dieser Anwendungen zwar spektakulär aussehen, für meinen persönlichen Arbeitsalltag jedoch nur begrenzten Nutzen haben.
Der Wendepunkt: DEVONthink 4 - KI wird zum Arbeitswerkzeug
Seit der Version 4.3 hat DEVONthink verschiedene KI-Dienste direkt integriert – von Apple Intelligence über ChatGPT, Claude und Gemini bis hin zu lokalen Sprachmodellen, die beispielsweise über LM Studio oder Ollama betrieben werden können.
Plötzlich ging es nicht mehr darum, Texte oder Bilder zu erzeugen. Es ging darum, in mehreren zehntausend Dokumenten schneller Antworten zu finden.
KI als intelligenter Dokumenten-Assistent
Genau hier liegt für mich die eigentliche Stärke der aktuellen KI: Ein klassisches Dokumentenmanagementsystem durchsucht Dateinamen, Metadaten oder den per OCR erkannten Text. Das funktioniert hervorragend – solange ich ungefähr weiß, wonach ich suche.
Spannend wird es aber bei Fragen wie:
- „Zeige mir alle Unterlagen zur Starlink Mini.“
- „Welche Dokumente habe ich über Vorhofflimmern gesammelt?“
- „Wo habe ich bereits etwas über Schwedenreisen geschrieben?“
Hier beginnt KI, Zusammenhänge zu erkennen, statt nur nach einzelnen Begriffen zu suchen. Das verändert die tägliche Arbeit deutlich stärker, als es spektakuläre Bildgeneratoren jemals könnten.
Nicht jede KI ist gleich gut
Das war für mich eine wichtige Erkenntnis: Nicht DEVONthink entscheidet über die Qualität der Antworten, sondern in erheblichem Maße das jeweils verwendete Sprachmodell. Diese Erkenntnis kam allerdings nicht von heute auf morgen. Meine ersten Versuche mit den KI-Funktionen in DEVONthink waren eher ernüchternd. Mit Apple Intelligence erhielt ich auf einfache Fragen häufig Antworten, die so wirkten, als hätte die KI überhaupt keinen Zugriff auf meine Dokumente. Auch lokale Modelle über LM Studio waren zwar ein spannender Ansatz, lieferten in meinem Fall jedoch noch nicht die Ergebnisse, die ich mir erhofft hatte.
Erst als ich verschiedene Cloud-Modelle wie ChatGPT und Gemini ausprobierte, wurde mir klar, welches Potenzial tatsächlich in einer semantischen Dokumentensuche steckt. Plötzlich ging es nicht mehr darum, einzelne Suchbegriffe zu finden, sondern Zusammenhänge zu erkennen und Fragen in natürlicher Sprache zu beantworten. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ein Dokumentenmanagementsystem mein Archiv nicht nur durchsucht, sondern die Inhalte so erschließt, dass sich Zusammenhänge in natürlicher Sprache abfragen lassen.
Rückblickend war genau das der Moment, in dem sich meine Sicht auf künstliche Intelligenz grundlegend verändert hat. Ich sah KI nicht länger als beeindruckendes Werkzeug zur Erzeugung von Texten oder Bildern, sondern als intelligenten Assistenten, der mir hilft, mein eigenes Wissen effizienter zu erschließen. Und genau darin liegt für mich bis heute ihr größter Mehrwert.
Ersetzt KI unsere Kreativität?
An dieser Stelle komme ich wieder auf die Diskussion im Mac-Forum zurück: Viele Beiträge drehten sich um die Sorge, KI werde Künstler, Autoren oder Fotografen ersetzen können.
Ich glaube nämlich, diese Frage greift zu kurz. Natürlich lassen sich heute erstaunlich gute Texte oder Bilder erzeugen. Doch Kreativität besteht nicht nur darin, Wörter oder Pixel zu produzieren. Ideen entstehen aus Erfahrungen. Aus Beobachtungen, aus Neugier, aus Fehlern. Aus dem, was wir erlebt haben.
Wenn ich einen Reisebericht schreibe oder an meinem DEVONthink-Buch arbeite, stammen die Inhalte weiterhin von mir. Die KI kennt weder meine Reisen noch meine Erfahrungen mit der Software. Sie kann beim Formulieren helfen, Gedanken strukturieren oder sprachliche Schwächen ausgleichen. Aber sie ersetzt nicht den eigentlichen Inhalt.
Vielleicht diskutieren wir über die falsche Frage
Deshalb frage ich mich inzwischen, ob wir die KI-Diskussion nicht häufig in die falsche Richtung führen. Statt ständig darüber zu sprechen, ob eine KI kreativ ist, sollten wir vielleicht häufiger darüber sprechen, wie sie unsere eigentliche Arbeit sinnvoll unterstützt. Für Wissensarbeiter bedeutet das häufig:
- Informationen schneller finden.
- Zusammenhänge erkennen.
- Texte strukturieren.
- Routineaufgaben automatisieren.
- Den eigenen Wissensbestand besser nutzen.
Genau dort sehe ich derzeit den größten praktischen Nutzen künstlicher Intelligenz.
KI und Kreativität – Bedrohung oder neues Werkzeug?
Die Diskussion im Mac-Forum zeigt vor allem eines: Einfache Antworten gibt es nicht. Fotografen, Autoren, Designer, Musiker und Filmemacher stellen sich gleichermaßen die Frage, ob künstliche Intelligenz eine Bedrohung für ihre Arbeit oder lediglich das nächste Werkzeug in einer langen Reihe technischer Entwicklungen ist.
Lange Zeit schien die Entwicklung eindeutig. Computer sollten vor allem monotone Routinearbeiten übernehmen und dem Menschen mehr Raum für Kreativität verschaffen. Die Realität entwickelt sich jedoch überraschend anders: Heute schreiben Sprachmodelle Texte, erzeugen Bilder, komponieren Musik oder erstellen Videos – ausgerechnet jene Bereiche also, die viele als ureigenste Domäne des Menschen betrachtet haben.
Genau hier entzündet sich die eigentliche Debatte. Die einen sind überzeugt, dass KI niemals wirklich kreativ sein kann, weil ihr Erfahrungen, Emotionen und eigene Motivation fehlen. Andere halten diese Frage für zweitrangig. Für sie zählt das Ergebnis – und das verändert bereits heute die Arbeitswelt.
Besonders sichtbar wird dieser Wandel bei standardisierten Aufgaben wie Produktfotografie, Retuschen oder einfachen Layoutarbeiten. Gleichzeitig bleiben Tätigkeiten gefragt, die von Erfahrung, Empathie und einer persönlichen Perspektive leben. Ein Reisebericht, ein Fachbuch oder eine Reportage entstehen eben nicht allein durch perfekte Technik.
Vielleicht verändert KI deshalb Kreativität nicht, sondern die Art, wie wir kreativ arbeiten. Wer Gestaltung, Sprache oder Bildkomposition beherrscht, erzielt auch mit KI bessere Ergebnisse. Die kreative Leistung verlagert sich zunehmend vom handwerklichen Ausführen hin zum Konzipieren, Bewerten und Verfeinern.
Mein Fazit zwischen Faszination und Skepsis
Die Diskussion im Mac-Forum hat gezeigt, wie unterschiedlich die Einschätzungen zur künstlichen Intelligenz ausfallen. Für die einen bedroht sie kreative Berufe, für die anderen ist sie lediglich das nächste Werkzeug in einer langen Reihe technischer Entwicklungen.
Nach meinen eigenen Erfahrungen mit den KI-Funktionen in DEVONthink sehe ich die Entwicklung heute deutlich gelassener als noch vor einigen Monaten.
Ja, KI wird unsere Arbeitswelt verändern – und sie verändert sie bereits. Manche Tätigkeiten werden verschwinden oder sich grundlegend wandeln. Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten und neue Arbeitsweisen. Entscheidend ist dabei nicht die Frage, ob eine KI Texte schreiben oder Bilder erzeugen kann. Entscheidend ist vielmehr, wie wir diese Werkzeuge einsetzen.
Gerade im Bereich des Wissensmanagements habe ich erlebt, dass KI weit mehr sein kann als ein Generator für Texte oder Bilder. Sie hilft dabei, Informationen schneller zu finden, Zusammenhänge zu erkennen und den eigenen Wissensbestand besser zu nutzen. Für mich ist das derzeit ihr größter praktischer Nutzen.
Ob künstliche Intelligenz tatsächlich kreativ sein kann, werden Philosophen vermutlich noch lange diskutieren. Für meinen Arbeitsalltag ist diese Frage inzwischen zweitrangig geworden.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Antwort auf die Diskussion im Mac-Forum. KI wird unsere Kreativität nicht abschaffen. Sie wird sie verändern. Manche Tätigkeiten werden verschwinden, andere entstehen neu. Entscheidend bleibt jedoch, dass hinter jeder guten Idee, jeder Beobachtung und jeder überzeugenden Geschichte ein Mensch steht. KI kann dabei helfen, sie besser auszudrücken – erleben muss sie sie nicht.
eine KI zur Erzeugung von Bildern aus Texteingaben – den Anfang vom Ende menschlicher Kreativität … ↩︎
