Als ich vor über zwanzig Jahren von der analogen zur digitalen Fotografie wechselte, war ich begeistert. Die Möglichkeiten schienen grenzenlos. RAW-Dateien, zerstörungsfreie Bildbearbeitung, Ebenen, Masken, lokale Anpassungen – endlich musste man sich nicht mehr mit den Einschränkungen eines Films arrangieren.

Mit jeder Kamerageneration wurden die Sensoren besser. Gleichzeitig entwickelte sich die Software rasant weiter. Ich arbeitete mit Aperture, später mit Capture One und schließlich auch beispielsweise mit Luminar. Technisch war das alles beeindruckend. Trotzdem hatte ich irgendwann das Gefühl, dass ich mich immer weiter von dem entfernte, was mich ursprünglich an der Fotografie fasziniert hatte.

Ich glaube heute sogar, dass wir uns daran gewöhnt haben, ein Foto nicht mehr als fertiges Bild zu betrachten, sondern als Ausgangsmaterial. Das eigentliche Fotografieren endet nicht mit dem Auslösen, sondern beginnt oft erst am Computer. Genau diese Entwicklung empfinde ich mittlerweile als Verlust.


Wann ist ein Foto eigentlich noch ein Foto?

Bei meinen eigenen Bildern hatte ich irgendwann das Gefühl, dass ich mich von der ursprünglichen Szene immer weiter entferne.

  • Noch etwas mehr Kontrast.
  • Den Himmel austauschen.
  • Ein paar störende Objekte entfernen.
  • Etwas wärmere Farben.
  • etc.

Und inzwischen erledigt KI viele dieser Aufgaben sogar automatisch. Natürlich kann man all das machen. Die Ergebnisse sehen oft beeindruckend aus.

Genau darin liegt aber auch das Problem: Je mehr Möglichkeiten entstehen, desto mehr Entscheidungen werden von der Aufnahme an den Computer verlagert. Das eigentliche Bild entsteht nicht mehr draußen, sondern Stunden später vor dem Monitor.

Irgendwann fragte ich mich immer häufiger: Zeigt dieses Bild noch das, was ich gesehen habe? Oder zeigt es inzwischen das, was ich gerne gesehen hätte? Für mich persönlich fühlte sich das irgendwann nicht mehr richtig an.


Das eigentliche Bild entstand erst nach der Aufnahme

Digitalfotografie hat einen großen Vorteil: Fast alles lässt sich nachträglich verändern.

  • Belichtung.
  • Weißabgleich.
  • Farben.
  • Kontrast.
  • Schärfe.
  • Rauschreduzierung.
  • Perspektive.
  • Himmel.
  • etc.

Und inzwischen erledigt KI viele dieser Aufgaben sogar automatisch. Genau darin liegt aber auch das Problem.

Je mehr Möglichkeiten entstehen, desto mehr Entscheidungen werden von der Aufnahme an den Computer verlagert. Das eigentliche Bild entsteht nicht mehr draußen, sondern Stunden später vor dem Monitor.


Wenn Werkzeuge zum Hobby werden

Irgendwann fiel mir auf, dass ich mich mehr mit Software beschäftigte als mit Fotografie.

  • Neue RAW-Konverter.
  • Neue KI-Funktionen.
  • Neue Objektivprofile.
  • Neue Entrauschungsalgorithmen.
  • Neue Filmlooks.

Ich sprach häufiger über Software als über Licht. Häufiger über Sensoren als über Bildgestaltung. Und häufiger über Workflows als über Fotografie. Irgendwann fragte ich mich: Ist mein Hobby eigentlich noch Fotografie – oder inzwischen Bildbearbeitung?

Irgendwann fiel mir auf, womit ich einen großen Teil meiner Zeit verbrachte: Ich fotografierte zwar digital und anschließend versuchte ich speziell mit Luminar, die Bilder wie Analogfilm aussehen zu lassen.

Wenn man diesen Satz einmal durchdenkt, merkt man, wie absurd er eigentlich ist: Warum fotografiere ich digital, wenn ich anschließend versuche, den digitalen Charakter wieder zu entfernen?


Perfektion ist eine Endlosschleife

Ein RAW-Bild ist niemals fertig:

  • Morgen könnte ich den Weißabgleich anders setzen.
  • Nächste Woche erscheint ein besseres Entrauschungsprogramm.
  • In einem Jahr erzeugt KI noch realistischere Masken.
  • etc.

Das Bild bleibt dauerhaft ein Projekt. Genau das unterscheidet digitale Fotografie von analoger Fotografie. Ein Negativ ist irgendwann entwickelt. Ein Abzug liegt auf dem Tisch. Fertig.


Ich will keine Bilder mehr verwalten

Noch etwas fiel mir auf: Im Laufe der Jahre sammelten sich zehntausende Fotos an. Natürlich waren sie sauber verschlagwortet - zumindest am Anfang. Natürlich waren sie gesichert. Natürlich waren sie in verschiedenen Programmen organisiert. Aber ich sah sie kaum noch an.

Statt Erinnerungen zu schaffen, optimierte ich Workflows.


Mein neuer Workflow

Vor einiger Zeit habe ich deshalb eine überraschende Entscheidung getroffen: Ich kündigte mein Capture-One-Abonnement. Heute landen meine Bilder direkt in Apples Fotos.app. Ein Klick auf „Automatisch verbessern“. Vielleicht korrigiere ich die Helligkeit noch ein wenig. Das war es.

Nicht weil Fotos.app leistungsfähiger wäre. Sondern weil ich genau das nicht mehr möchte. Ich möchte nicht mehr stundenlang an Bildern arbeiten.


Die Technik ist nicht das Problem

Digitalkameras gehören zu den beeindruckendsten Werkzeugen, die Fotografen je zur Verfügung standen. Auch moderne Bildbearbeitungsprogramme sind großartig. Capture One ist hervorragend. Luminar kann beeindruckende Ergebnisse erzeugen. KI spart inzwischen enorm viel Zeit.

Ich behaupte deshalb ausdrücklich nicht, dass diese Werkzeuge schlecht wären. Ich habe lediglich festgestellt, dass sie nicht mehr zu meiner Art zu fotografieren passen.

Weniger Technik. Mehr Fotografie. Interessanterweise führte mich genau diese Erkenntnis zurück zur Analogfotografie. Nicht weil Film objektiv besser wäre. Nicht weil digitales Fotografieren keine guten Bilder hervorbringen könnte. Sondern weil Analog mich zwingt, die wichtigen Entscheidungen wieder vor der Aufnahme zu treffen. Nicht danach.


Vielleicht ist das eigentliche Problem gar nicht die Technik

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir Fotografen heute Gefahr laufen, Software mit Fotografie zu verwechseln. Fotografie entsteht nicht in Capture One. Nicht in Luminar. Nicht in Photoshop oder Lightroom. Und künftig auch nicht durch KI.

Sie entsteht in dem kurzen Moment zwischen Wahrnehmen und Auslösen. Alles andere kann helfen. Sollte diesen Moment aber nicht ersetzen.


Fazit

Vielleicht ist die eigentliche Ironie der modernen Fotografie, dass wir heute technisch bessere Kameras besitzen als je zuvor – und gleichzeitig immer mehr Zeit vor dem Computer verbringen.

Ich möchte diese Zeit zurückhaben. Deshalb habe ich Capture One gekündigt. Deshalb bearbeite ich meine Bilder heute kaum noch. Und deshalb fotografiere ich wieder analog. Nicht, weil Analog besser wäre.

Sondern weil ich wieder fotografieren möchte.