Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wann ich zuletzt an einem Geldautomaten Bargeld abgehoben habe. Im Alltag bezahle ich fast alles mit dem Smartphone oder mit Karte. Nicht, weil ich Bargeld für ein Relikt aus vergangenen Zeiten halte, sondern aus einem sehr einfachen Grund: Digitales Bezahlen ist für mich schlichtweg bequemer.

Und es hat noch einen Vorteil, der mir fast wichtiger ist als die Bequemlichkeit. Ich weiß, wo mein Geld geblieben ist. Meine Ausgaben hinterlassen nicht nur einen immer dünner werdenden Stapel Geldscheine im Portemonnaie, sondern eine nachvollziehbare Spur auf meinen Konten. Gerade auf Reisen möchte ich darauf nicht mehr verzichten. Ich muss nicht überlegen, wie viel Bargeld ich in der jeweiligen Landeswährung brauche, nicht ständig Geldautomaten suchen und mich kaum noch mit Wechselkursen, Wechselstuben und Bargeldreserven beschäftigen.

Natürlich hinterlasse ich damit Datenspuren. Meine Bank weiß, dass ich gestern beim Bäcker war, an welcher Tankstelle ich getankt und in welchem Restaurant ich gegessen habe. Für manche Menschen ist genau das bereits Grund genug, möglichst ausschließlich mit Bargeld zu bezahlen. Besonders in meinem eher staatskritischen Umfeld begegnet mir dabei immer wieder dieselbe Befürchtung: Der gläserne Bürger sei längst Realität, digitales Bezahlen mache ihn nur noch gläserner. Und irgendwann, so die weitergehende Sorge, könne aus der technischen Möglichkeit zur Kontrolle tatsächliche Kontrolle werden – bis hin zum Ausschluss vom Zahlungsverkehr. Gerne wird dann die fast unausweichliche digitale Diktatur heraufbeschworen.

Diese Bedenken einfach als Verschwörungstheorie abzutun, wäre mir zu billig. Die Risiken existieren. Zahlungsdaten sind sensibel, technische Systeme können ausfallen und wer vollständig vom digitalen Zahlungsverkehr abhängig ist, macht sich damit auch abhängig von dessen Betreibern. Nur ziehe ich daraus eine andere Konsequenz: Ich möchte nicht zurück zu einer Welt, in der Bargeld die nahezu ausschließliche Form des Bezahlens ist. Aber auch ich möchte einen digitalen Zahlungsverkehr, dem ich vertrauen kann.

Und vielleicht liegt genau darin der entscheidende Unterschied. Die interessante Frage ist nicht, ob digitales Bezahlen gut oder böse ist. Die Frage ist, welche technischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen wir schaffen müssen, damit die Vorteile des digitalen Bezahlens nicht mit einem Verlust an Freiheit erkauft werden.


Warum ich digital bezahle

Für mich ist digitales Bezahlen zunächst einmal keine Weltanschauung, sondern eine praktische Entscheidung. Jede Ausgabe taucht automatisch auf, ich kann nachvollziehen, wohin das Geld gegangen ist, und muss nicht versuchen, anhand eines leeren Portemonnaies zu rekonstruieren, wofür ich eigentlich 100 Euro ausgegeben habe. Gerade auf längeren Reisen möchte ich digitales Bezahlen nicht mehr missen.

Besonders deutlich wird der Vorteil bei Auslandsreisen. Ich muss keine größeren Bargeldbestände mitführen und nicht ständig überlegen, wie viel Fremdwährung ich noch brauche. Mit der richtigen Karte kann ich direkt in der Landeswährung bezahlen und vermeide dabei viele der Gebühren und schlechten Wechselkurse, die beim klassischen Geldwechsel anfallen können.

Deutschland ist dennoch weiterhin vergleichsweise bargeldaffin. Für einen Teil der Öffentlichkeit ist digitales Bezahlen beinahe ein Symbol für drohende Unfreiheit. Der Staat könne jede Zahlung verfolgen, Banken könnten Menschen vom Zahlungsverkehr ausschließen, bei Strom- oder Netzausfall funktioniere nichts mehr, irgendwann werde das Bargeld abgeschafft und schließlich könne ein digitaler Euro womöglich sogar programmierbar werden.

Der interessante Punkt ist: Ein Teil dieser Einwände ist keineswegs Unsinn. Debanking existiert als Problem, Zahlungsdaten sind sensible Daten, technische Abhängigkeiten gibt es tatsächlich und eine vollständig bargeldlose Gesellschaft wäre verwundbarer. Diese Argumente muss man ernst nehmen, sie sind nicht in bloßer Paranoia begründet.


Ausgerechnet das Smartphone als Schutz vor Überwachung?

Etwas widersprüchlich wird die Argumentation allerdings dort, wo das Bargeld zum letzten Bollwerk gegen den gläsernen Bürger erklärt wird. Denn fast alle, die dem Bargeld den Vorzug geben, besitzen gleichzeitig ein Smartphone. Und dieses Smartphone erzeugt Standortdaten, Kommunikationsmetadaten, Such- und Nutzungsverhalten, Bewegungsmuster und vieles mehr und hinterlässt mit Datenspuren ungeahnten Ausmasses.

Vor diesem Hintergrund ist die Vorstellung etwas eigentümlich, ausgerechnet die Barzahlung beim Bäcker sei der entscheidende Schutzwall gegen digitale Überwachung.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Zahlungsdaten deshalb bedeutungslos wären. Im Gegenteil: Sie können ein sehr genaues Bild unseres Lebens zeichnen und sind deshalb besonders schützenswert. Aber wer ein Smartphone benutzt (und das tun die meisten von uns), hat die digitale Gesellschaft längst betreten. Die vernünftige Antwort darauf kann kaum darin bestehen, ausgerechnet den Zahlungsverkehr möglichst analog zu halten. Sie muss darin bestehen, digitale Systeme so zu gestalten, dass möglichst wenige Daten entstehen, vorhandene Daten wirksam geschützt werden und niemand aufgrund dieser Daten kontrolliert oder ausgeschlossen werden kann.


Der Blick nach Skandinavien

Schauen wir nach Skandinavien. Vor einigen Jahren ist ein Bekannter nach Dänemark ausgewandert, nach einem halben Jahr haben wir ihn besucht. In diesem halben Jahr hatte er nicht ein einziges Mal irgendetwas bar bezahlt. In Schweden steht in größeren Kirchen eine Art Kollektenautomat statt eines altmodische Klingelbeutels und es soll sogar Bettler mit Kartenlesegerät geben.

Was zunächst wie eine skandinavische Kuriosität klingt, verweist auf einen grundlegenden Unterschied. In Skandinavien ist digitales Bezahlen gesellschaftlich sehr weit verbreitet. Interessant ist dabei aber weniger die Technik – die könnten wir genauso benutzen –, sondern die gesellschaftliche Voraussetzung dahinter: Vertrauen in Institutionen, Banken und staatliche Strukturen.

Schweden und Norwegen gehören zu den am stärksten digitalisierten Zahlungsgesellschaften Europas. In Norwegen werden inzwischen nur noch ungefähr drei Prozent der Einkäufe an physischen Verkaufsstellen bar bezahlt. Schweden beschreibt seine Zahlungsmodalitäten selbst als nahezu vollständig digital.

Das skandinavische Beispiel zeigt aber nicht, dass Bargeld überflüssig ist. Ganz im Gegenteil: Gerade diese Länder beschäftigen sich inzwischen intensiv mit der Frage, was passiert, wenn die digitale Infrastruktur ausfällt. Bargeld wird unter dem Resilienzgesichtspunkten wieder stärker diskutiert.

Schweden empfiehlt seinen Bürgern inzwischen sogar ausdrücklich, für Krisenfälle Bargeld zu Hause zu haben. Norwegen hat wiederum das Recht der Verbraucher gestärkt, in Geschäften weiterhin bar bezahlen zu können. Und genau das ist bemerkenswert: Zwei Gesellschaften, die im Alltag fast vollständig digital bezahlen, sorgen gleichzeitig dafür, dass das Bargeld nicht verschwindet.

Vielleicht liegt darin eines der Missverständnisse unserer deutschen Debatte: Vertrauen in digitale Systeme entsteht nicht dadurch, dass man Bargeld abschafft und den Bürgern erklärt, sie müssten sich eben an die neue Zeit gewöhnen. Vertrauen entsteht vielmehr dort, wo eine Gesellschaft digitalisiert und gleichzeitig dafür sorgt, dass niemand vollständig von dieser Digitalisierung abhängig wird.

Die Alternative lautet deshalb nicht Bargeld oder Digitalisierung. Die vernünftige Lösung lautet: Digitalisierung mit Rückfallebene.


Vertrauen braucht Regeln

Was müsste ein solcher Vertrauensrahmen bei uns konkret bedeuten?

Bargeld muss als Rückfallebene erhalten bleiben. Gleichzeitig darf ein elementarer Zugang zum digitalen Zahlungsverkehr nicht vom Wohlwollen einzelner Unternehmen oder gar von politischem Wohlverhalten abhängig sein. Zahlungsdaten müssen vor beliebiger staatlicher Überwachung ebenso geschützt werden wie vor kommerzieller Profilbildung. Und digitale Zahlungssysteme brauchen technische Redundanz für Netz-, Strom- und Systemausfälle.

Entscheidend ist dabei: Je unverzichtbarer der digitale Zahlungsverkehr wird, desto stärker muss der Zugang zu ihm rechtlich abgesichert werden.

Das gilt besonders für die durchaus berechtigte Angst vor „Debanking“. Die würde ich keineswegs als Hirngespinst abtun. Wer vollständig vom digitalen Zahlungsverkehr abhängig ist, für den wird der Zugang zu einem Konto faktisch zu einer Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe.

Immerhin existiert dafür bereits ein rechtlicher Schutz: In Deutschland gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf ein Basiskonto mit den grundlegenden Funktionen des Zahlungsverkehrs. Wie tragfähig dieser Schutz in der Praxis ist, sei dahingestellt. Gerade dieses Beispiel zeigt aber, worum es eigentlich gehen sollte: nicht darum, aus Angst vor möglichem Ausschluss möglichst viel mit Bargeld zu bezahlen, sondern darum, den Zugang zum digitalen Zahlungsverkehr als elementare Infrastruktur rechtlich abzusichern.

Zwischenfazit: Wenn eine moderne Gesellschaft digitales Bezahlen faktisch voraussetzt, darf die Teilnahme daran nicht allein vom Wohlwollen eines einzelnen Unternehmens abhängen.


Und dann kommt der digitale Euro

Ausgerechnet beim viel gescholtenen digitalen Euro zeigt sich, wie schief ein Teil der Diskussion inzwischen läuft. Während manche darin bereits den Vorboten einer Bargeldabschaffung und eines programmierbaren Überwachungsgeldes vorausahnen, diskutiert die EU gleichzeitig eine gesetzliche Stärkung des Bargelds.

Der digitale Euro soll nach dem derzeitigen Konzept Bargeld nicht ersetzen, sondern ergänzen. Er existiert bislang noch nicht, und über seine tatsächliche Einführung ist noch nicht endgültig entschieden. Vorgesehen ist unter anderem, dass er auch offline funktionieren kann. Gerade diese Offline-Funktion soll Zahlungen mit einem hohen Maß an Privatsphäre ermöglichen. Vermutlich werden die Zahlungsvorgänge in Deutschland dann per Fax und BTX abgewickelt werden...

Auch die häufig geäußerte Befürchtung eines „programmierbaren Geldes“ entspricht nicht dem derzeit vorgesehenen Konzept. Der digitale Euro soll nicht so gestaltet werden, dass staatliche Stellen bestimmen können, wofür, wo oder bis wann das Geld ausgegeben werden darf. Ich bin diesbezüglich skeptisch, die EU war schon immer für fragwürdige Lösungen gut.

Natürlich kann man misstrauisch bleiben. Gesetze können geändert, technische Systeme erweitert und politische Versprechen gebrochen werden. Gerade deshalb ist es sinnvoll, sehr genau hinzusehen, welche Regeln tatsächlich beschlossen werden und welche technischen Möglichkeiten geschaffen werden.

Aber das ist etwas anderes, als eine technische Entwicklung grundsätzlich abzulehnen, weil man ihr jede denkbare zukünftige Fehlentwicklung bereits heute unterstellt.


Das eigentliche Problem ist nicht die Technik

Um das alles einmal auf einer persönlichen Ebene zusammenzufassen: Ich möchte digital bezahlen, weil es für mich vielleicht nicht die bessere, aber zumindest praxisgerechtere Technologie ist. Aber ich möchte nicht dazu gezwungen werden. Und ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der ich darauf vertrauen kann, dass die Bequemlichkeit des digitalen Bezahlens nicht irgendwann mit einem Verlust an Freiheit bezahlt werden muss.

Deshalb halte ich es auch für falsch, Bargeld und digitales Bezahlen gegeneinander auszuspielen. Ich kann fast alles mit dem Smartphone bezahlen wollen und mich gleichzeitig dafür einsetzen, dass mein Nachbar weiterhin seine Geldscheine auf den Tresen legen kann. Und ich kann die Vorteile digitaler Zahlungssysteme nutzen und trotzdem verlangen, dass meine Zahlungsdaten geschützt werden und mir niemand willkürlich den Zugang zu diesen Systemen entziehen kann.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die Debatte häufig falsch abbiegt: Wir versuchen, Freiheit durch das Festhalten an einer bestimmten Technik zu schützen. Dabei entsteht Freiheit nicht dadurch, ob ich mit einem Geldschein, einer Plastikkarte oder einem Smartphone bezahle. Sie entsteht durch die Regeln, die bestimmen, was andere mit den dabei entstehenden Möglichkeiten tun dürfen.

Und das alles auf einer grundsätzlichen Ebene zusammengefasst:

Nicht Bargeld schützt unsere Freiheit. Gute Regeln schützen unsere Freiheit. Bargeld kann dabei eine wichtige Rückfallebene sein.