Vorausgeschickt: Die neueste DEVONthink-Version erhielt den Code-Namen „Cassini“.

Wenn man weiß, welche Persönlichkeit hinter diesem Namen verbirgt, weiß man auch, warum dieser Name keineswegs zufällig gewählt wurde – sondern erstaunlich gut passt.

Giovanni Domenico Cassini war ein Astronom des 17. Jahrhunderts. Er war kein Visionär im Sinne großer wissenschaftlicher Umstürze, kein Provokateur, kein genialer Einzelkämpfer, der bestehende Weltbilder sprengte. Seine Stärke lag woanders: im präzisen Beobachten, im Vermessen, im geduldigen Vergleichen. Berühmt wurde er unter anderem durch die Erkenntnis, dass die Ringe des Saturn kein homogener Körper sind, sondern eine Struktur mit klaren Trennlinien – die sogenannte Cassini-Teilung. Eine Entdeckung, die weniger mit spektakulären Ideen als mit genauem Hinsehen zu tun hatte.

Und genau dieses Prinzip steckt im Kern von DEVONthink.

DEVONthink will nichts „für dich denken“. Es liefert keine fertigen Antworten, keine glatten Zusammenfassungen, keine vermeintlich objektiven Wahrheiten. Stattdessen hilft es dabei, Strukturen sichtbar zu machen, die bereits im eigenen Material angelegt sind: Ähnlichkeiten zwischen Texten, thematische Nähe, wiederkehrende Muster, unerwartete Bezüge.

Die bekannte Funktion „See Also“ ist dafür exemplarisch. Sie ist kein Orakel, keine Verpflichtung, sondern ein Hinweis. Sie sagt nicht: „Das ist richtig“, sondern: „Hier gibt es eine Verbindung, die du dir anschauen könntest.“ Genau so arbeitete Cassini bei der Interpretation der Himmelsphänomene – und genau so arbeitet DEVONthink mit deinem Wissensbestand.

In einer Zeit, in der KI-Systeme zunehmend auf schnelle Antworten und maximale Vereinfachung optimiert sind, wirkt dieses Konzept beinahe altmodisch. DEVONthink folgt einer anderen Logik: Erkenntnis entsteht nicht durch Verkürzung, sondern durch Differenzierung. Nicht durch Output, sondern durch Orientierung. Nicht durch Gewissheit, sondern durch Kontext.

Cassini hat den Himmel nicht vereinfacht. Er hat ihn lesbar gemacht. DEVONthink versucht dasselbe – nur nicht für Sterne und Planeten, sondern für deine Texte, Notizen, Ideen und Gedanken.

Wer mit DEVONthink arbeitet, betreibt im besten Sinne „Wissensastronomie“: Er sammelt, beobachtet, ordnet, zieht Linien, verwirft sie wieder, erkennt Muster. Und manchmal entdeckt er dabei eine Trennlinie, die alles klarer macht – nicht weil sie neu ist, sondern weil man sie endlich sieht.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft des Namens „Cassini“: Erkenntnis entsteht nicht durch mehr Antworten, sondern durch bessere Orientierung.


Was bringt DEVONthink „Cassini“ an Neuerungen?

Der Versionsname Cassini ist kein Etikett für ein einzelnes Feature, sondern steht für eine sukzessive inhaltliche Verschiebung innerhalb von DEVONthink. Die Neuerungen sind dabei weniger eine Art „Wow-Features“, sondern eher als Konsequenzen einer klaren Haltung beschreiben.

Wer den Versionsnamen Cassini bei DEVONthink liest, könnte zunächst vermuten, hier beginne ein neues Kapitel der KI-Integration. Ein Bruch mit der Vergangenheit, ein großer konzeptioneller Schritt weg vom „Plauderautomaten“. Schaut man nüchtern in die Release Notes und vergleicht sie mit früheren Versionen von DEVONthink 4, zeigt sich jedoch ein anderes, deutlich interessanteres Bild.

Cassini steht weniger für neue Funktionen als für eine präzisere Haltung gegenüber KI – insbesondere gegenüber Risiken, Kontrolle und Kontext.

Keine neue Trennung, aber ein klarer Fokus

Zunächst das Wichtige vorweg:

Die Unterscheidung zwischen KI-Nutzung ohne Dokumentenbezug und KI-Aktionen auf Basis ausgewählter Inhalte gab es bereits vor Cassini. Auch frühere Versionen von DEVONthink 4 erlaubten es, KI entweder frei zu nutzen oder gezielt auf Dokumente, Gruppen oder Auswahlen anzuwenden. Cassini führt hier nichts grundlegend Neues ein. Der Unterschied liegt hier nicht im Ob, sondern im Worauf der Fokus gelegt wird.

Schauen wir uns einmal an, was DEVONtechnologies selbst zur neuen Version sagt:


1:1-Übersetzung der Release-Notes aus der DT-Hilfe

Diese Version hilft dabei, KI-Risiken zu mindern, insbesondere bei der Verarbeitung von Online-Inhalten, um das Potenzial für schädliches Prompt-Verhalten zu reduzieren. Außerdem haben wir die unterstützten KI-Anbieter aktualisiert und Unterstützung für Googles Nano Banana Bild-Engine sowie Anthropics Claude 4.5 Sonnet hinzugefügt.

DEVONthink erkennt nun leere Seiten beim Ausschneiden von PDFs, was zu konsistenteren und nützlicheren Ergebnissen führt. Zudem wurden die Safari- und Erweiterungen zum Teilen unter macOS Tahoe zuverlässiger gemacht. Postfächer im Import-Bereich der Seitenleiste laden schneller und entsprechen nun der Darstellung von Apple Mail. Außerdem kannst du den durchsuchbaren Text eines Dokuments über den Chat oder per Skripting verändern.

Auf der Synchronisationsseite passt DEVONthink die Ressourcennutzung automatisch an Temperatur und Auslastung deines Rechners an; die Synchronisation insgesamt ist performanter geworden. Natürlich wurden auch diverse Fehler und kleinere Probleme behoben.

Zusätzlich haben wir separate Schaltflächen für die Befehle Backlink einfügen und Zitat einfügen im Inspektor Anmerkungen & Erinnerungen > Anmerkungen ergänzt.

Pro-Version:

  • Wir haben zwei neue Optionen unter KI > Chat-Einstellungen hinzugefügt:
    1. Herunterladen von Webseiten erlauben und
    2. Externe Bilder automatisch laden.

Damit kann DEVONthink beim Generieren einer Antwort Webinhalte herunterladen und analysieren. Diese Optionen sind standardmäßig deaktiviert, da sie als unsicher gelten können.

  • Es wurden separate Ziel-Einstellungen für Bilderkennung und Multimedia-Transkription hinzugefügt.
  • DEVONthink unterstützt nun Anthropics Claude 4.5 Sonnet mit identischer Preisstruktur und denselben Möglichkeiten wie Claude 4 Sonnet. Der Skript-Assistent verwendet ab sofort dieses Modell anstelle von Claude 4 Sonnet.
  • Unterstützung für Googles Nano Banana Text-zu-Bild-Engine wurde in allen Bildgenerierungsfunktionen hinzugefügt, z. B. im Fenster Bild erzeugen. Dieses Modell unterstützt Bildbearbeitung und legt – ungewöhnlich – Größe und Stil direkt über den Prompt fest. Für die Nutzung ist ein Gemini-API-Schlüssel erforderlich.


Keine KI-Revolution – sondern Haltung: Was DEVONthink Cassini auszeichnet

Sicherheit statt Bequemlichkeit

Auffällig ist, womit die Release Notes zu Version 4.1.1 beginnen: nicht mit neuen Modellen oder spektakulären Funktionen, sondern mit dem Hinweis auf Risikominimierung bei KI-Nutzung – insbesondere beim Verarbeiten von Online-Inhalten. DEVONthink adressiert explizit das Problem von „malicious prompt behavior“, also der gezielten Manipulation von KI durch externe Inhalte.

Diese Haltung zeigt sich ganz konkret an neuen, standardmäßig deaktivierten Optionen:

Das automatische Nachladen von Webseiten oder externen Bildern für KI-Antworten ist möglich, aber bewusst ausgeschaltet. Nicht aus technischer Unreife, sondern weil solche Inhalte als potenziell unsicher eingestuft werden. Wer sie nutzen will, muss sich aktiv dafür entscheiden.

Das ist bemerkenswert, weil viele KI-Integrationen den gegenteiligen Weg gehen: mehr Automatik, mehr „magische“ Ergebnisse, weniger Reibung. Cassini akzeptiert Reibung – zugunsten von Kontrolle.


KI als kontrollierbares Werkzeug

Parallel zur Unterstützung neuer Modelle wie Claude 4.5 Sonnet oder Googles Nano-Banana-Engine zeigt sich ein durchgängiges Muster:

mehr Einstellmöglichkeiten, mehr explizite Schalter, mehr Trennung von Verantwortlichkeiten. Bildanalyse, Transkription, Chat, Skripting – alles wird feiner getrennt und gezielter konfigurierbar.

KI wird damit innerhalb der Programmarchitektur nicht aufgewertet, sondern eingefasst. Sie ist kein autonomer Akteur, sondern ein Werkzeug, dessen Arbeitsbedingungen klar definiert sind. Besonders deutlich wird das beim Umgang mit externem Wissensmaterisl: Das eigene Archiv gilt implizit als kontrollierbarer Raum, das Web dagegen als potenzielle Angriffsfläche.


Cassini als Metapher, nicht als Zäsur

In diesem Licht betrachtet ist Cassini weniger ein technischer Meilenstein als eine passende Metapher. So wie der Astronom Cassini keine neuen Himmelskörper erfand, sondern Trennlinien und Strukturen sichtbar machte, schärft diese DEVONthink-Version den Blick auf Grenzen, Herkunft von Informationen und Verantwortlichkeiten.

Cassini bringt keine neue KI-Philosophie – aber eine sichtbarere Vorsicht. Keine Revolution, sondern eine bewusste Akzentverschiebung: weg von maximaler Automatisierung, hin zu Nachvollziehbarkeit, Sicherheit und Kontrolle.

Oder anders gesagt:

DEVONthink Cassini macht KI nicht mächtiger, sondern nüchterner. Und genau das ist in der aktuellen KI-Euphorie vielleicht die eigentliche Neuerung. DEVONthink Cassini bringt keine Revolution, sondern etwas Wertvolleres: Orientierung. Weniger „Sag mir die Antwort“, mehr „Zeig mir die Struktur“. Weniger Automatik, mehr Erkenntnisarbeit.