Gut, mit Dokumenten- oder Informationmanagement mag das nun nicht zu tun haben. Aber es gibt professionelles Arbeiten abseits dieses Themas - auch wenn von der breiten Masse (wer ist das eigentlich?) gerne übersehen wird, dass Pflege eben nicht jeder kann. Pflege ist tatsächlich ein ernst zu nehmender und sicher nicht nur intellektuell fordernder Beruf, für den man sich die Kompetenzen nicht mal hoppla-hopp per Schnellkursen aneignen kann. Und qua Geschlecht (86% der Pflegekräfte sind Frauen) erreicht man auch keinen professionellen Zugang zum Pflegen.

Nun haben wir den Salat. Oder besser: Wir haben Corona. Und in den Supermärkten fahndet man nicht nur nach Klopapier, es wird plötzlich offensichtlich, dass die Ausstattung unserer Kliniken mit Pflegekräften schlichtweg desaströs ist. Und das ist nicht erst seit heute so, wir wissen das seit Jahren.

Wir klagen seit Jahren über Personalmangel in der Pflege und eigentlich könnte jeder “Entscheider” die Gründe und Lösungen kennen. Aber Lösungen sind teuer und Aussitzen ist billig. Und vor Ort fehlen Pflegekräfte, und zwar immer mehr. Wer kann, verlässt den Beruf oder entscheidet sich erst gar nicht für ein derart unattraktiv gewordenes Berufsfeld.

Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Stellen bleiben monatelang unbesetzt, qualifiziertes Personal ist nicht zu bekommen. Und das wird auch so bleiben, wenn man weder an den Bedingungen noch an den Strukturen etwas zu ändern bereit ist. Probleme wie aktuell Corona bringen ein solches System dann schneller zum Kippen als einem Gesundheitsminister lieb sein kann. Da Pflegekräfte auch in Deutschland nicht auf den Bäumen wachsen, suchen Pflegebetriebe und Kliniken händeringend auch im Ausland.

Man hat es versäumt, den Pflegeberuf attraktiv zu halten, man hat alles auf Verschleiß gefahren und man hat sich auch nicht um Nachwuchs oder eine Neuordnung der Berufsausbildung gekümmert. Stattdessen träumte man davon, mal so nebenbei die arbeitslos gewordenen SCHLECKER-Frauen in die Pflege zu stecken. War ja so einfach und billig. Nichts gegen SCHLECKER-Frauen, aber so etwas ist eine Ohrfeige für qualifiziertes und professionelles Pflegepersonal.

Man hat im Ausland nach billigen Pflegekräften gesucht. Gekommen sind so allenfalls billige Hilfskräfte: Mangelhafte Sprachkenntnisse, schlechte Pflegequalifikation, wenig interkulturelle Kompetenzen. Immerhin sind sie im Regelfall arbeitswillig. Pflege ist aber ein hochqualifizierter Beruf, da lassen sich nicht mal so nebenbei Umgeschulte und ad hoc Eingebürgte im Hau-Ruck-Verfahren einsetzen. Ich kenne Situationen, wo solche „Fach“kräfte erheblichen Schaden angerichtet haben - zwischen 10 I.E. Einheiten Insulin und 10 ml liegen nun einmal Welten. Mal abgesehen davon, dass solches “Fach”Personal mit diesen Mitteln eigentlich gar nicht hantieren darf. Aber was ist schon professionell…?

Man hat versucht, ausländisches Pflegepersonal zu finden, das bereits im Ausland seine Pflegequalifikation erworben hat, man hat also anderen Ländern deren bereits ausgebildete Fachkräfte abwerben wollen. Weil: In Deutschland ist es ja so schön. Besonders in der Pflege. Das hat nicht geklappt, weil Pflegekräfte im Ausland (selbst in vielen vermeintlich armen Ländern) eine weit höhere Qualifikation haben als hier in Deutschland. Pflegekräfte aus dem Ausland haben nicht selten eine Hochschulausbildung hinter sich und treffen hierzulande zwar auf ein hohes medizinisches Versorgungsniveau, aber auf ein Pflegesystem, dass nur Nuancen von einer Dritte-Welt-Situation entfernt ist. Solche Pflegekräfte kommen nach Deutschland und machen nach einem Monat wieder kehrt. Mehrfach erlebt.

Im europäischen Vergleich hat Deutschland mittlerweile die schlechteste pflegerische Ausbildung und die schlechtesten Arbeitsbedingungen in der Pflege. Das Ausbildungsniveau hierzulande ist hanebüchen. Und wer hier den tatsächlich vorhandenen akademischen Weg geht, landet am Ende im unveränderten Desaster vor Ort - und das für vielleicht mal € 50,00 mehr im Monat. Wer kann, geht weg - in die Schweiz, in die Niederlande, nach Norwegen.

Dieser Beruf ist in den letzten 30 Jahren dermaßen an die Wand gefahren worden. Man hat die Leute nicht gut ausgebildet, stattdessen reihenweise Ausbildungsstätten dicht gemacht. Man hat sich nicht um angemessene Vergütungen gekümmert, man hat keine Aufstiegschancen geschaffen. Und man hat den Beruf kaputt geredet, weil man permanent versucht hat, Lücken durch halb- und völlig unqualifiziertes Personal zu stopfen. Hauptsache Arbeitskräfte. Und die zu möglichst billigen Konditionen. Es wird Jahrzehnte dauern, diese Misere wieder gerade zu rücken. Im Moment sehe ich noch nicht mal einen Schimmer am Horizont.

Was hat das mit Corona zu tun…?

Corona bringt dieses desolate Pflegesystem über den Rand der Belastungsgrenze hinaus. Wenn wir Pech haben, werden wir bereits innerhalb von wenigen Wochen den Komplettzusammenbruch erleben. Die deutsche Pflege ist am Ende.

Und in dieser Situation stellt sich Jens Spahn hin und appelliert an das Berufsethos der Pflegekräfte. Jensilein wäre besser Bankangestellter geblieben. Als Gesundheitsminister ist er eine Fehlbesetzung. Das waren alle anderen vor ihm allerdings auch.

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